Wer Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ nur als klassisches Lustspiel kennt, würde von dieser Inszenierung überrascht sein. Statt das Geschehen streng auf die Bühne zu begrenzen wurde der gesamte Theaterraum des Theaters Mühlheim an der Ruhr für uns, den Q1-Deutschkurs, zum Schauplatz des Gerichtsprozesses und wir als Publikum selbst zu Beteiligten.
Schon zu Beginn wurde deutlich, wie konsequent der ganze Theatersaal zum Teil der Bühne gemacht wurde. Die Schauspieler bewegten sich durch den Zuschauerraum, sprachen uns direkt an und ließen uns zum Teil sogar mitsprechen. Es entstand das Gefühl selbst Teil der Dorfgemeinschaft zu sein, die den Prozess verfolgt.
Die interaktive Inszenierung brach die traditionelle Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum (wie man sie bei einem Stück aus 1808 vielleicht vermuten würde) auf und machte die moralische Frage des Stückes unmittelbar für uns erfahrbar. Vor allem von meinem Platz in der ersten Reihe aus konnte man jeden um sich herum ausblenden und vollkommen in das Stück eintauchen.
Im Zentrum der Inszenierung stand die Figur des Dorfrichters Adam, welcher einen Prozess um den im Titel genannten zerbrochenen Krug führen und einen Täter ausfindig machen sollte. Im Laufe des Stückes wurde jedoch deutlich, dass er selbst schuldig war, was er jedoch versuchte zu verstecken. Die Rolle wurde durch den Schauspieler als grotesk-komische und gleichzeitig aber als bedrohliche Autoritätsperson dargestellt. Diese Ambivalenz machte seine Figur sehr wirkungsvoll: das Publikum lachte über Adam, erkannte aber gleichzeitig die Kritik an korrupten Autoritäten, die ihre Macht und Stellung missbrauchen.
Auf Adams Gegenseite stand Eve. Der Krug zerbrach in ihrem Zimmer und nur sie wusste, was wirklich passiert war. Ihre Mutter beschuldigte Eves Verlobten, Ruprecht, da sie sich nicht vorstellen konnte, bzw. es nicht wahrhaben wollte, dass eventuell jemand anderes in Eves Zimmer gewesen sein könnte. Von Anfang an machte Eve deutlich, dass Adam selbst der Täter war, aber keiner hörte ihr zu. Dieser Aspekt wurde auf der Bühne deutlich herausgearbeitet und wirkte erschreckend aktuell. Obwohl die Wahrheit, anders als im ursprünglichen Stück, von Anfang an von der Opferperson ausgesprochen wurde, blieb sie ungehört, weil die Machtstrukturen in der Gesellschaft oft stärker sind, als die Aussagen einer jungen Frau.
Die Wirkung auf das Publikum war deutlich spürbar. Es wurde gelacht, doch immer wieder entstand auch eine unangenehme Stille, wenn die Mechanismen von Machtmissbrauch sichtbar wurden. Vor allem die Einbindung von uns, als Publikum, verschärfte dies. So wurden wir zum Beispiel von Dorfrichter Adam aufgefordert seine Aussage: „Was sie sagt das glaubt man nicht!“, kollektiv mitzusprechen.
Gleichzeitig stand diese auf der Bühne, weinend und ungehört. Trotz anfänglichen Unbehagens klang nach wenigen Sekunden ein Sprechchor, der Eves Aussage invalidierte, durch den ganzen Theatersaal. Schnell wurde uns bewusst, dass es hier nicht nur um ein korruptes Dorfgericht im 19. Jahrhundert ging, sondern um Machtstrukturen, die auch heute noch existieren. Insgesamt überzeugte die Inszenierung durch ihre kreative Raumnutzung und die klare gesellschaftliche Aussage.
„Der zerbrochne Krug“ wurde hier nicht als historische Komödie, sondern als ein aktuelles politisches Theaterstück präsentiert, welches uns zugleich unterhielt und herausforderte.
Eine Theaterkritik von Sanja Reicherts, Jahrgangstufe 12

































